Woche 1 - AUFBRECHEN

21.05.2018, Pfingstmontag

 

 

 

Hand in Hand auf dem Weg zur Schönheit

Aufgewacht sind wir heute bei den Kapuzinern am malerischen Zürichsee. Nach dem Frühstück mit den Männern und Frauen der klösterlichen Hausgemeinschaft geht es zur Morgenandacht im hohen quadratischen Chorraum, wo wir in den kräftigen Psalmengesang einstimmen dürfen. Ein Wort der Lesung nehmen wir mit auf unseren Weg: In allem werdet Ihr reich genug sein, um selbstlos schenken zu können. Auch heute haben uns wieder Gebetsanliegen erreicht: Wir beten für Menschen, die sich Frieden in der Familie wünschen, ein Paar, das sich ein Kind wünscht, und alle, die sich nach einem fruchtbaren Leben sehnen.

Schwester M. Scholastika ist heute zuständig für die geistliche Begleitung. Im ersten Waldstück hören wir die Schöpfungsgeschichte und den Aufruf, ein weiches, formbares Herz zu bewahren, unsere eigene Schönheit, unsere Würde, tiefer zu erkennen und auch unsere Grenzen anzunehmen. In Stille folgen wir einem Bachlauf. Der Weg wird immer schmaler und glitschiger. Wir klettern über kleine Hügel, Wurzeln und Baumstämme. Wer das Hindernis überwunden hat, reicht dem oder der Nächsten die Hand: Unsere Pilgergemeinschaft wird Hand in Hand zur Seilschaft. Wir klettern begeistert durch das paradiesisch-abenteuerliche Tal. Unverhofft taucht ein großer Wasserfall auf, das Sonnenlicht strahlt herein. Es geht nicht weiter. Wir sind in der schönsten Sackgasse der Welt gelandet...

Martin vor Wasserfall

Wie gut, dass wir uns verlaufen haben, da sind wir uns schnell einig, obwohl heute noch der lange und steile Anstieg zum Hörnli auf uns wartet. Aber ohne diesen Umweg hätten wir die innigste Stimmung des Tages verpasst. Ist es nicht so, dass sich auch im  Leben Sackgassen oft als glückliche Fügung erweisen? Sie bieten uns Überraschendes, dass uns auf den geraden Wegen niemals begegnet wäre und ermöglichen immer wieder einen neuen Aufbruch.

Wir steigen auf aus dem tiefen Tal, folgen mal Straßen, mal engen Pfaden und begegnen vielen Hinweisen darauf, dass hier seit Jahrhunderten Pilger unterwegs sind.
Auch heute treffen wir wieder Menschen, die den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gehen.



Unsere Mittagsrast machen wir an einem malerischen Weiher mit Wasserlilien, in dem sich die Wolken am blauen Himmel spiegeln. Die Arenberger Dominikanerinnen beten für uns und unseren Pilgerweg: Wir erleben einen wunderbar sonnigen Tag, alle sind wohlauf.

Der Aufstieg aufs Hörnli fordert unsere Kräfte und lässt uns unseren Atem spüren, aber er führt uns erneut durch einzigartige Blumenwiesen mit seltenen Orchideen und vielen leuchtenden Farben, die hier viel reiner und strahlender wirken als daheim. Wir blicken auf ein fantastisches Bergpanorama mit den schneebedeckten höchsten Schweizer Gipfeln, wir fühlen uns reich beschenkt.

Unser Weg bergan heißt „Weg der Schönheit“, viele Familien mit kleinen Kindern kommen uns an diesem Pfingstmontag entgegengelaufen. „Was ist das und wohin bringt ihr das?“, fragen sie, als sie das Pilgerkreuz erblicken: Ein Kreuz, das wir nach Koblenz-Arenberg tragen, antworten wir. Ein Mädchen nimmt das Kreuz: „Ganz schön schwer“, stellt sie fest, aber unter den Pilgern ist das Kreuztragen beliebt. Liebevoll wird füreinander gesorgt: „Soll ich Deinen Rucksack tragen? Geht es Dir gut?“

Am Nachmittag kommen wir bei leichtem Donnergrollen und ersten Regentropfen bei den freundlichen Hüttenwirten am Hörnli an. Wir teilen unsere Freude und Eindrücke des Tages, dann stärken wir uns bei einem echt Schweizer Pilgermahl: Älplermagronen. Köstlich, die wird es auch beim Jubiläum auf dem Arenberg geben. Leider verlassen uns wieder zwei liebe Mitpilger der ersten Tage. Wir vermissen alle, die schon gegangen sind, und freuen uns auf alle, die sich uns noch anschließen wollen auf diesem ganz besonderen Jubiläumspilgerweg nach Arenberg.

Morgen werden wir mit Abraham aufbrechen: Gen 12. Es wird darum gehen, sich für den Segen zu öffnen und selbst Segen zu sein.

Der König verlangt nach deiner Schönheit

Psalm 45